Die CSU macht jetzt Youtube und es ist verdammt peinlich

Header© Screenshot CSU im Bundestag/​YouTube

Spätestens nach Rezos „Zerstörung der CDU“ wissen wir: Medienkompetenz gehört definitiv NICHT zu den Stärken der Union. Das haben die beiden Parteien mehrfach mit zahlreichen, sehr peinlichen Tweets und einer sehr langen PDF eindrucksvoll bewiesen. Und jetzt setzen sie noch einen drauf. Denn irgendwer in der Chefetage scheint sich gedacht zu haben, dass es doch ganz nett wäre, über Youtube mehr junge Menschen zu erreichen.

Und es hätte durchaus Potenzial haben können, hätte man sich die richtigen Leute ins Boot geholt. Medienwissenschaft/ Kommunikationswissenschaft/ Journalismus. Alles sehr beliebte Studiengänge mit zahlreichen Absolventen, die über eine hohe Medienkompetenz verfügen. Von so jemanden hätte sich die CSU beraten lassen können, bevor sie mit CSYOU ein Format kreiert, das an Peinlichkeit kaum zu überbieten ist und mal wieder zeigt: Diese Partei hat keine Ahnung wie junge Leute ticken.

Wie viele Effekte passen in ein Video?

© Screenshot CSU im Bundestag/​YouTube© Screenshot CSU im Bundestag/​YouTube

Los geht der Spaß mit einem „fetzigen“ Intro auf dem verdammt viel Berlin und verdammt wenig Bayern zu sehen ist. Schließlich handelt es sich ja um die „CSU im Bundestag.“ Der Teaser „CSUYOU“ wird eingeblendet und damit auch wirklich jeder merkt, dass es sich um ein Youtube Format handelt, ist im „O“ ein Playzeichen eingebaut worden. Bei so viel Genialität ahnt man jetzt schon: das wird „großartig“. Um sich aber dann aus Berlin zu distanzieren beginnt der Moderator Armin seine Ansprache mit einem saloppen „Servus“ (und einem störenden Videoeffekt). Dann Schnitt Kamerawechsel/ seitliche Aufnahme/ Schwarz-weiß an: „und herzlich willkommen“ Schnitt Kamerawechsel/frontale Aufnahme/ Farbe wieder an „zu CSYOU der Social Media (…)“ Vier Sekunden drei Frames, das muss man erst einmal schaffen. Müsste ich ein Sequenzprotokoll zu diesem Video erstellen, hätte ich am Ende definitiv mehr graue Haare als vorher. Da fragte sich wohl jemand: Wie können wir ein jüngeres Publikum erreichen? Und die Antwort war: MIT SO VIELEN SCHNITTEN UND EFFEKTEN WIE MÖGLICH!!!

Die Tagespolitik der CSU: Greta Thunberg ist nicht klimaneutral!

Und weiter geht’s. Jetzt kommen bestimmt die ernsten Inhalte, die man von einer Partei in der Regierung erwartet. Wie der Armin auch ankündigt, wird er uns ab jetzt zu Tagespolitik und der Arbeit der CSU im Bundestag informieren „los gehts“. Aber anstatt über Politik zu reden beginnt er mit dem Aufreger der Woche. Und über wen regen sich alte weiße Männer derzeit am liebsten auf? Richtig Greta Thunberg einem 16-jährigen Mädchen, was Millionen Menschen dazu bewegt hat sich gegen Klimawandel einzusetzen. Ansätze über den Klimawandel? Nein natürlich nicht. Als wäre es in der deutschen Presselandschaft nicht schon genug ausgelutscht worden, kommt jetzt die Kritik an ihrer Segelfahrt über den Atlantik. Denn sich inhaltlich mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen wäre zu viel verlangt für die CSU

Fazit: Greta „Abramovich“ (wie er sie geschmackloser weise nennt) sollte dann lieber den Flieger nehmen. Ein 28-jähriger, der mit einer leidigen, belehrenden Stimme und einer provozierenden Überheblichkeit sagt: Greta dann nimm lieber den Flieger. Genau das kommt bei der Jugend gut an!

Aber die Grünen hingegen: Die fliegen die ganze Zeit. Und das geht dann wiederum ja gar nicht! Man mag Gretas Segeltörn befürworten, oder eben nicht aber die CSU sollte als Partei in der Regierung definitiv mehr Niveau und Kompetenz beweisen, als so etwas zum Headliner ihrer Berichterstattung zu machen. Aber selbst wenn man davon absieht. Wer zur Hölle dachte denn bei denen, dass Kritik an Greta hilft IRGENDEINEN Jugendlichen besser zu erreichen??? Das ist genau so, als würde man sich hinstellen und alle Fridays for Future Demonstranten als Schulschwänzer darstellen… Oh wait….

Extremismus sollte man nicht mit Extremismus bekämpfen“

Wer jetzt nicht peinlich berührt wegschaltet wird mit dem „Klartext der Woche“ belohnt. Jetzt geht’s an die Unteilbar Demo bei der 35000 Menschen für eine offene und freie Gesellschaft auf die Straße gegangen sind. Aber natürlich nicht die Union. Daher darf Armin uns auch nicht erzählen, wie unglaublich wichtig es ist, bei der derzeitigen politischen Lage in Deutschland auf die Straße zu gehen und gegen Rechtsradikale, Fremdenhass und die AFD zu protestieren. Nein jetzt wird die Demonstration negativ bewertet und warum? Weil dort keine Deutschlandflaggen erwünscht waren! Hier musste ich mir kurz an den Kopf fassen, um das Gesagte zu verarbeiten. An dieser Stelle des Videos hätte man sich so wunderbar gegen Nazis aussprechen können. Man hätte vor der AFD warnen können, vor allem im Blick auf die anstehenden Wahlen in Brandenburg und Sachsen. Was macht die CSU hingegen? Sie sprechen sich für den deutschen Stolz aus und gegen die Antifa und die anderen „Extremisten“ und entwerten die Demonstration als Versammlung von Extremisten gegen Extremisten. Selten bin ich in schlappen 2,5 Minuten so stark getriggert worden. Was erwartet uns wohl im dritten Teil des Videos?

Die Regierung arbeitet und regiert!

Bild 2© Screenshot CSU im Bundestag/​YouTube

Es wird dann zum Glück nicht mehr ganz so schlimm. Jetzt beginnt lediglich das Eigenlob, denn man mag es kaum glauben: Die Regierung regiert und setzt einige Wahlversprechen um. Sie tun also ihren Job. Wow ich wünschte, ich würde jedes Mal Applaus ernten, wenn ich bei meiner Arbeit das tue, wofür ich eingestellt wurde. Die tatsächlichen erreichten Ziele werden dann aber im Schnelldurchlauf abgespielt und lediglich eingeblendet. Zu viel Inhalt, dass wollen die jungen Menschen ganz bestimmt nicht sehen…

Enden tut das Ganze dann noch mit dem Thema der Woche. Soldaten dürfen in Uniform kostenlos Bahn fahren, weil sie so einen wertvollen Job in unserer Gesellschaft leisten. Alle Feuerwehrmänner, Notärzte, Seenotretter, Pfleger, Polizisten, Lehrer usw. sollte es sehr freuen. Hier zeigt die Regierung wen sie wirklich wertschätzt und wen eben nicht. Dieser Beschluss ist so unnötig wie Armins blondierten Haare. Aber vielleicht reagiere ich jetzt auch nur so, weil ich bei Minute 4 dieses „Meisterwerks“ angekommen bin. Armin fordert dann noch auf das Video zu Liken und zu Kommentieren… Was sehr ironisch ist, denn die Verantwortlichen des Youtube Kanals waren dann zunächst schwer damit beschäftigt die überwiegend negativen Kommentare zu löschen. Und dann ist der Spuk endlich vorbei und ich bleibe mit dem Gefühl sitzen, dass noch nicht einmal Jan Böhmermann das besser hätte hinkriegen können…

Medienberatung? Fehlanzeige!

Ja mit Sicherheit steckt hinter Episode 1, die so sehr für Aufmerksamkeit gesorgt hat, dass man aufgrund zahlreicher Parodien und Kritikvideos Schwierigkeiten hat, das Original Video zu finden, eine Agentur. Nur was für eine? Bei über 600000 Aufrufen hat es das Video auf schlappe 137000 Dislikes geschafft (Stand 04.09.19) und zeigt mal wieder, wie es nach hinten gehen kann, wenn Menschen, die nichts von Medien verstehen Inhalte schaffen. Dabei kann man Youtube noch nicht einmal als neues Medium bezeichnen. Die Plattform existiert seit über einem Jahrzehnt und man könnte meinen, dass es in der Zeit genug Medienschaffende gibt, die richtig damit umgehen können und in der Lage sind ein Video zu erstellen, was vielleicht immer noch „gestellt“ und nicht besonders authentisch sein wird, aber bei Weitem nicht so unglaublich schlecht wie das Resultat. Denn die Episode 1 von CSYOU (wer hat sich bloß diesen Namen ausgedacht) ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Sogar als bekennender nicht CDU/CSU Wähler musste ich mir in mehreren Cringe-Momenten an die Stirn fassen.

Abgesehen vom inhaltlichen Desaster sorgt die überwältigende Anzahl an Jump Cuts, Video Effekten und unterschiedlichen Kameraperspektiven dafür, dass man als Zuschauer fast epileptische Anfälle bekommt. Jeder der sich so ungefähr 5 Minuten mit Youtube beschäftigt hat weiß, warum Youtuber schneiden: Damit das was sie sagen Sinn ergibt, um Inhalte zu kürzen, um einen besseren Redefluss zu schaffen und um Fehler beim Sprechen herauszuschneiden. Denn viele Sprechen ohne festes Script und Text. Im Gegensatz zu Armin Petschner der scheinbar alles abließt. Denn Spontanität hat keinen Platz in der CSU. Was die berechtigte Frage stellt warum dann alle 5 Sekunden ein Schnitt kommt. Anscheinend scheint man hier zu glauben, dass junge Leute viele Schnitte und rasante Kamerawechsel cool finden. Weit gefehlt. Authentizität, Persönlichkeit und Charakter wird eher geschätzt. Nicht wie viele unnötige Video Effekte in ein 5 Minuten langes Video passen.

Bild 3© Screenshot CSU im Bundestag/​YouTube

Ich stelle mir einen langen Tisch vor. Alte weiße Männer (und Armin) sitzen zusammen und überlegen sich: Welche Themen interessieren die Jugend grade? „Klimawandel“ „Unzerstörbar“ fällt in die Runde… Und dann Stille. „Ja cool also nehmen wir das und beschreiben dann noch am Ende, was unsere Regierung alles so cooles gemacht hat…. Aber Klimawandel hmmm… Was sollten wir dazu sagen… Inhalte? Klimaprogramm? Neee lass mal Greta nehmen! Die ist doch grad mit so nem Boot über den Atlantik gefahren. Das ist nicht klimaneutral! Ja lass die mal deswegen kritisieren! Das macht uns bestimmt total beliebt bei den jungen Leuten! So SpReChEn WiR dEn JuNgEn WäHlEr VoN hEuTe An!!! GREEETA FLIEG MAL LIEBER NÄCHSTES MAL!!!“

Junge Menschen mit Inhalt zu überzeugen? Vergesst es! Die CSU macht das mit zahlreichen Musik- und Videoeffekten gepaart mit einem blondierten Moderator, der sich über 16-jährige Mädchen lustig macht. Eine spontane Rap Sequenz von Armin hat mir dann am Ende noch gefehlt. Das hätte dem Format noch den fehlenden Touch verliehen. Aber vielleicht kommt das ja in Folge 2…

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