Keep cool and do Yoga? Selbstoptimierung in Krisenzeiten

Selbstoptimierung und Corona

Was für eine wundervolle Zeit der Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung! Corona hat die Welt stillgelegt. Alle Freizeitangebote haben zu, Grenzen sind dicht, nichts geht mehr. Und aus allen Ecken beschallen uns die Medien mit der Botschaft: „Jetzt hast du so viel Zeit! Nutze Sie richtig!“ Mehr Sport machen, Bücher lesen, kreative DIY Projekte oder eine neue Sprache lernen. Wenn man nichts anderes machen kann, muss man seine Zeit auch sinnvoll nutzen. Also finde dich selbst: Werde eine bessere, interessantere, schlauere und vielleicht sogar schlankere Version deiner selbst! Denn jetzt hast du ja Zeit oder?

Die Realität der meisten Menschen sieht aber leider anders aus und Zeit zur Selbstoptimierung ist den meisten eben nicht vergönnt. Im Gegenteil führen diese Appelle zahlreicher Artikel und Influencer eher dazu, dass man sich als Normalbürger auf einmal schlecht fühlt. Was stimmt mit mir nicht, dass ich morgens nur mit Mühe und Not aus dem Bett komme? Warum habe ich keine Energie, um Sport zu machen? Warum fühle ich mich bei dem Gedanken überwältigt, jetzt etwas Neues zu lernen? Warum bin ich grade einfach nur überfordert mit meinem Alltag? Bin ich einfach nicht so gut wie diese Supermenschen?

Fangen wir mit den Menschen an, die es wagen konnten, Kinder in die Welt zu setzen, ohne darüber nachzudenken, dass eine globale Pandemie alle Schulen schließen wird. Denn wer ein Kind in die Welt setzt, muss auch damit rechnen irgendwann mal rund um die Uhr auf dieses Aufpassen zu müssen oder? Das bekommt man derzeit in den sozialen Medien zu lesen. In den 60iger Jahren hat es doch auch geklappt oder? Damals als Frauen noch nicht gearbeitet haben und glücklich den ganzen Tag geputzt und gekocht haben. Dumm nur, dass viele Frauen heutzutage arbeiten (um davon abzusehen, dass es früher auch andere, fragwürdige Erziehungsmethoden gab). Eltern müssen derzeit nicht nur weiter arbeiten, sondern gleichzeitig 24 Stunden am Tag auf die Kinder aufpassen.

Wunderbar, dass es Homeoffice gibt. Denn was gibt es schöneres, als in einer Videokonferenz zu sitzen oder sich konzentrieren zu müssen, während gleichzeitig ein zweijähriges Kind einem am Bein hängt und mindestens 12 Stunden am Tag beschäftigt werden möchte. Soll es doch selbst spielen? Klar das kann man wunderbar einem Kleinkind erklären, genau wie die Tatsache, dass es nicht mit anderen Kindern spielen darf. Selbst die Eltern, die in Teilzeit sind oder freigestellt wurden müssen neben dem Kind auch noch gucken, dass es Essen gibt und der Haushalt nicht komplett auseinanderbricht, denn wenn wirklich alles zu hat ist es auch schwierig das Kind zufrieden zu stellen. Zeit, um jetzt Italienisch zu lernen? Entspannen beim Yoga? Fehlanzeige. Wenn das Kind irgendwann um 20 Uhr im Bett liegt (wenn man Glück hat und es den Tag über genug ausgelastet wurde), ist man höchstwahrscheinlich so fertig, dass man sich entweder vor dem Fernseher setzt oder selbst ins Bett geht. Ein Hoch auf die Selbstoptimierung!

Natürlich hat nicht jeder Kinder, oder diese sind bereits ausgezogen. Trotzdem muss der Großteil der Menschen weiter arbeiten. Hat also nicht mehr Freizeit als vorher und wenn man vor Corona nach Feierabend eher in den Biergarten gegangen ist, wird man jetzt nicht stattdessen abends noch einen online Gitarrenkurs einschieben. Höchstwahrscheinlich trinkt man das Bier zu Hause… alleine… oder mit dem Partner… denn die Freunde darf man jetzt nicht mehr sehen. Freizeit gewinnt man nicht mehr, stattdessen muss man seine sozialen Kontakte einschränken und am besten nach der Arbeit direkt nach Hause gehen. Belastend für die Psyche und keine gute Voraussetzung, um zu Hause „so richtig kreativ“ zu werden.

Wer bleibt übrig, um sich während der Corona-Krise selbst zu finden? Klar, die Menschen, die derzeit nicht arbeiten dürfen. Gastronomen, Einzelhandel, Tourismusbranche usw. Diese Menschen haben jetzt bestimmt ein tolles Leben oder? Denn sie müssen sich bestimmt keine Sorgen darüber machen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen oder ob sie nach der Krise noch einen Job haben zu dem sie zurückkehren können. Wer so viele Sorgen hat, wird nicht entspannt Kuchen backen und Origami Schwäne falten, sondern eher versuchen einen halbwegs normalen Alltag ohne Arbeit und mit einer Vielzahl von Existenzängsten zu meistern.

Wer sind also diese Menschen, die derzeit von der Isolation schwärmen und ihre tollen Workouts online präsentieren? Vielleicht die Menschen, die am wenigsten von der Krise betroffen sind? Die mit genug Geld auf dem Konto, die in ihren großen Villen mit Pool und Garten sitzen und keine sonderlichen Verluste erleiden. Prominente, Influencer und Millionäre, Menschen die schon vor Corona Self-Care, Love und Meditation „gepreached“ haben und es jetzt in dem gleichen Ton weiterführen. Verständlich für sie, dass sie kein Feingefühl besitzen und sich nicht in der Lage des Normalbürgers hineinversetzen können. Unverständlich jedoch, dass Medien dieses absolut unrealistische Leben aufgreifen müssen und Selbstoptimierung in Zeiten von Corona massentauglich machen möchten. „Schaut her, was Menschen während der Krise trotzdem so meistern“. Ich applaudiere jedem normalen Menschen, der es derzeit wirklich schafft kreativ zu sein und mehr zu tun als sein Leben irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Aber es ist nicht normal und sollte auch nicht so dargestellt werden. Einigermaßen ok durch die Krise zu kommen: Das sollte das Ziel sein.

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