Warum Veganer so nerven

Fridays for futureHallomoin mein Name ist Sabine… und ich lebe Vegan… Was ich dir im ersten Satz unseres Gespräches auch mitteilen werde… Ich gehöre zu denen, die ihre Kinder mangelernähren, die Krankheiten mit Lichttherapie und Luft bekämpfen… Die ihr Shampoo und Duschgel selber herstellen… und die natürlich ausschließlich in Hippieklamotten und Dreadlocks herumlaufen um ihre Ideologie für alle sichtbar zu machen…

So oder so ähnlich ist das Bild der Öffentlichkeit über Veganer. Denn Veganer, hier sind sich viele einig, nerven total. Immer diese militanten Menschen, die einem vorschreiben möchten wie man zu leben hat. Dabei ist vegan leben ja total unnatürlich! Der Mensch ist schließlich ein Allesfresser und dazu gemacht um Fleisch, Milchprodukte und Eier zu konsumieren. Darum leiden auch so viele Veganer an Mangelernährung.

Hier scheint sich auch die deutsche Medienlandschaft einig zu sein. Immer wieder wird das Thema vegan sein thematisiert und ausgeschlachtet. Denn vegan ist „In“ aber gleichzeitig für die über 90 % der Menschen die sich nicht so ernähren eine sehr unvorstellbare Lebensweise. Sobald man aus den deutschen Großstädten herausgeht, sind Veganer Mangelware und hier wächst auch das Unverständnis. Dies ist eine Mangelernährung! Denen fehlen die Proteine! Es ist gefährlich, Kinder so zu ernähren! Das kriegen Veganer außerhalb Berlin, Hamburg und Co. Zu hören wenn sie in einem Restaurant versuchen, ein veganes Gericht zu finden.

Das Versagen der deutschen Medien

Diese Vorurteile werden stetig von Menschen aufgegriffen, die es eigentlich besser wissen müssten: Journalisten. Die sich intensiv mit einem Thema auseinandersetzen. Gründlich recherchieren, sich eine fundierte Meinung bilden und am Ende einen qualitativ hochwertigen Artikel schreiben. Doch dem ist leider nicht so, denn meistens wird schamlos abgeschrieben. Ob die Fakten richtig sind oder nicht ist nebensächlich. Wichtig ist nur, dass der Artikel viele Klicks bekommt. Und was bekommt besonders viele Klicks außer „xy Promi hat zugenommen“? Richtig Veganer die irgendetwas falsch machen!

So darf man immer und immer wieder lesen, dass vegane Babys gestorben sind oder mit üblen Mangelerscheinungen ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Dass dies nichts mit veganer Ernährung zu tun hat, sondern mit Eltern die ihrem Baby anstatt Muttermilch oder Säuglingsnahrung irgendetwas anderes geben und dass dies ABSOLUT NICHTS mit veganem Leben zu tun hat, wird ignoriert. Ein anderes beliebtes Thema sind prominente Influencer, die vegan leben doch zu viele Gesundheitsprobleme bekommen und sich entscheiden, dass sie Fleisch essen müssen. Dass diese Personen gleichzeitig auch 30-tägige Fastenkuren gemacht haben, bei denen sie nur Wasser getrunken haben wird verschwiegen. Denn der Artikel „Veganerin kriegt Gesundheitsprobleme und isst wieder Fleisch“ verkauft sich besser als „Influencerin kriegt nach Fastenkur massive Probleme und isst jetzt wieder Essen“.

Die Liste solcher Artikel ist sehr lang. Doch warum sind alle so heiß auf dieses Thema? Warum nerven uns Veganer so? Warum lieben wir es negative Schlagzeilen über diese Form der Ernährung zu lesen? Es ist nichts zunächst mal nichts Neues. Was der Mensch nicht versteht oder was ihm fremd ist, das stößt er zunächst vehement ab. In der Vergangenheit sind auch Menschen als Spinner dargestellt worden, die behauptet haben die Erde sei rund und dreht sich um die Sonne. Ich habe auch zu denen gehört, die bei der bloßen Präsenz eines Veganers unsicher wurde und immer die Sinnlosigkeit und Unnatürlichkeit dieser Ernährungsform betont habe. „Die Sojaproduktion holzt in Südamerika den Regenwald ab.“ Dieses war eines meiner Lieblingsargumente gegen Veganer. Oder ich hab von der Freundin erzählt, die einen Monat lang vegan gelebt hat und ihre Tage nicht mehr bekommen hat. Denn vegane Ernährung ist extrem unnatürlich.

Veganer verunsichern uns

Allerdings machen Veganer auch noch eine Sache, die uns Normalbürger zusätzlich enorm stört. Sie versuchen ein besseres, bewussteres Leben zu führen, indem sie auf alles Tierische verzichten. Um keine Tiere zu quälen und zu töten, zugunsten der Umwelt, denn die Tierindustrie ist einer der größten Umweltverschmutzer weltweit und teilweise auch um ein gesünderes Leben zu führen. Sie halten uns unbewusst einen Spiegel vor und daran stören wir uns sehr schnell. Denn wir möchten gerne auf unserer Couch sitzen bleiben, unser Schnitzel essen und möglichst nicht damit konfrontiert werden, was es eigentlich bedeutet: Ignoranz ist sehr bequem. Aber jetzt kommt doch tatsächlich dieser freche Veganer, steht vor uns in der Supermarktschlange und hat nur Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Brot und Hafermilch Pardon Haferdrink auf dem Kassenband. Wir gucken auf unsere abgepackte Salami, den Käse, die Vollmilch, die Würstchen für 1,99€ den Joghurt und kriegen latente Schuldgefühle. Denn der vor uns macht es ja anders. Er versucht ein bewussteres Leben zu führen! Aber Moment… Er geht auf den Supermarktparkplatz und steigt in ein Auto! Das geht ja gar nicht! Also jemand der vegan ist und ein Auto fährt, das ist ja schon ein bisschen heuchlerisch! Also da braucht man ja auch nicht vegan zu leben!

Jetzt ist also unser Leben wieder in Ordnung. Wir zahlen unsere Lebensmittel, steigen in unser eigenes Auto und fahren nach Hause. Und genau das ist auch der Grund warum wir Artikel gegen Veganer lieben. Denn ein Veganer ist unangenehm. Selbst wenn er nichts sagt, zwingt er uns für einen kleinen Moment unser eigenes Verhalten zu reflektieren. Er zwingt uns, an Schlachthäuser zu denken. An Methanausstoß, an die Überfischung der Meere. Also brauchen wir schnell Ablenkung. Denn wir möchten nicht unser eigenes Verhalten ändern. Wir möchten so bleiben, wie wir sind. Also muss schnell etwas her auf das wir zeigen können. Oh! Eine Veganerin wollte ihren Krebs mit Veganismus heilen und ist gestorben! Oh guck mal Avocados sind auch nicht vegan! Oh Veganer lassen ihr Kind verhungern! Oh dieser Veganer kauft Kaffee, der nicht fairtrade ist… Ein Veganer in meinem Flugzeug! Der sollte sich schämen als Veganer zu fliegen! Der will doch angeblich besser leben.

Wir haben eine Verantwortung

Dabei sollte es nicht darum gehen, was der Veganer alles falsch macht, sondern warum uns ihre Präsenz so stört. Ich persönlich habe noch nie einen dieser militanten Veganer kennengelernt, der „Fleisch ist Mord“ im Restaurant ruft und allen Vorträge hält. Ich habe bis jetzt mehr nicht Veganer erlebt, die Veganern was erzählen müssen. Hierzu habe ich auch gehört. Bis ich darüber nachgedacht habe warum. Warum nerven mich Veganer? Was macht die Tierindustrie mit der Umwelt? Was passiert in Schlachthäusern. Wie viel CO2 verbraucht man bei einem Langstreckenflug? Muss ich alles in Plastik kaufen? Wer anfängt zu recherchieren, dem werden viele Dinge bewusst. Und dann muss man sich zwingend irgendwann fragen: Womit kann ich mit gutem Gewissen leben? Die Liste an Dingen, die man ändern kann, ist unendlich. Und wir brauchen nicht eine Handvoll Leute, die alles perfekt machen. Wir brauchen Millionen Menschen, die es wenigstens versuchen. Kleine Schritte in Richtung eines bewussteren Lebens. Ob man statt dem Flugzeug die Bahn nimmt, versucht Plastikfrei einzukaufen, ein Fahrrad statt Auto hat oder vegan lebt. Die Hauptsache ist, man setzt sich ehrlich mit sich selbst auseinander und macht sich bewusst, dass man als Konsument eine Verantwortung hat und handeln muss. Oder man macht es nicht und amüsiert sich weiterhin mit einer Vielzahl an Artikeln über mangelernährte, nervende Veganer.

Ich lebe jetzt übrigens auch vegan… Stück für Stück seit 2015 und konsequent seit Anfang 2019. Aber ich fliege leider noch zu oft. Daran versuche ich zu arbeiten…

PS: Mein Dank an Veganer, die mich so lange genervt haben, dass ich jetzt vegan lebe… (Vegan ist ungesund, Pia Kraftfutter, Mirellativegal, Unnatural Vegan, Kristen Leo, Mic the Vegan und so viele mehr)

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3 Responses to Warum Veganer so nerven

  1. Mari says:

    Ehrlich gesagt nerven mich alle, die ihre Lebensphilosophie als die bessere und richtigere vor sich hertragen. Ich lehne alles missionarische ab. Damit kein Missverständnis entsteht: Ich finde verschiedene Lebens- und Denkweisen interessant und bereichernd. Denn es gibt die eine oder andere Sache, die ich mir gerne abgucke. Habe auch mal einige Zeit vegan gelebt, weil mich ein Veganer neugierig gemacht hat. Ich mag mich nur nicht mit Menschen umgeben, die mir das Gefühl geben, dass ich etwas falsch mache, weil ich nicht so lebe wie sie. Ich habe mein Auto vor einigen Jahren aus abgeschafft. Ich erwarte von niemandem, dass er das auch tut.

    Gut geschriebener Post übrigens 🙂

    • Da stimme ich dir vollkommen zu. Selbst wenn die Intentionen dahinter gut sind, wenn man versucht jemandem eine Lebensweise vorzuschreiben wird die Reaktion ablehnend sein. Denn wir mögen es nicht, wenn uns Leute erzählen, dass unsere Art die Falsche ist und deren die Richtige. Daher finde ich es wichtig zu versuchen positiv zu informieren anstatt zu Missionieren. Ich wurde beispielsweise mal von einer älteren Dame auf einer Fridays for Future Demonstration angemault, warum ich denn Erdbeeren im März esse. Das hat mich in dem Moment sehr wütend gemacht. Denn obwohl Sie recht hat, dass das weder Regional noch Saisonal ist, fand ich es unpassend, denn schließlich demonstrieren wir ja für die gleiche Sache und ich finde da muss man sich nicht gegenseitig vorhalten, was der andere so falsch macht. Denn alles Richtig machen ist unmöglich… Jeder muss selbst versuchen für sich was zu ändern. Kein Auto zu haben beispielsweise ist ein großer und sehr wichtiger Schritt! 🙂

  2. Pingback: Warum wir keine Essen-bestellen-Scham brauchen | DiemitdemGintanzt

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