Warum wir keine Essen-bestellen-Scham brauchen

Essen-bestellen-scham

Diese Welt ist so unfair. Während wir auf der einen Seite Menschen wegen ihrer Autos und ihrer Flugreisen beschuldigen übersehen wir gleichzeitig andere extrem wichtige Bereiche, die ebenfalls klimaschädlich sind! Das dachte sich Berit Dießelkämper und nimmt sich dem neuen großen Thema der Klimadebatte an: „Essen nach Hause bestellen“. Sowohl für das Klima, als auch für die Selbstliebe möchte sie nämlich damit aufhören und schreibt hierzu ihre Gedanken beim Partner der Süddeutschen Zeitung „jetzt.de“ nieder. Die Autorin findet es ungerecht, dass es neben dem Flug-Scham und dem SUV-Scham noch einige Bereiche gibt, die nicht verteufelt werden und möchte jetzt den „Essen nach Hause bestellen“ Scham einführen.

Essen bestellen ist klimaschädlich

Sie beginnt direkt alles aufzuzählen, was beim Essen bestellen klimaschädigend ist. Und die Liste ist lang. Erhöhter Plastikkonsum und mehr Plastikmüll, der Transport auf dem Roller oder Auto, der Reifenabrieb der Mikroplastik hinterlässt und der Strom, den man verbraucht, wenn man sich das Essen noch einmal zu Hause aufwärmt. Die Hauptverantwortung an diesem Bestellwahnsinn tragen übrigens die jungen Menschen unter 30. Denn diese setzen sich zwar für eine bessere Klimapolitik ein, doch deren urbaner Lebensstil produziert den meisten Verpackungsmüll – Coffe-to-go-Becher noch nicht einmal miteingerechnet, so Frau Dießelkämper.

Zunächst einmal sollte man den CO2 Ausstoß in Relation sehen. Wie viel Schaden richtet Fliegen an? Wie viel Abgase bläst man in die Atmosphäre, wenn man täglich ein fettes Auto fährt, dass man eigentlich gar nicht braucht? Verglichen damit ist ein Mal pro Woche Essen bestellen relativ harmlos. Ebenfalls könnten wir uns jetzt auch darüber streiten ob man denn zu Hause nicht auch Strom beim Kochen verbraucht, oder Abgase bei der Autofahrt zum Supermarkt. Und wir könnten uns mit der Frage beschäftigen, was alles im Supermarkt an Plastik eingekauft wird. Ich stelle mal die gewagte These auf, dass die in Folie eingeschweißte Tiefkühlpizza vom Supermarkt nicht nur schlechter schmeckt, sondern auch klimaschädlicher ist als die Pizza, die man sich nach Hause bestellt. Aber das ist alles Haarspalterei und nicht Sinn der Sache. So lösen wir keine Probleme. Ein Mensch, der eine Avocado isst und sich mit einem Menschen der Milch trinkt darüber streitet, was denn klimaschädlicher ist, bringt uns nicht weiter.

Auch bin ich generell gegen diesen „Scham“ den wir eingeführt haben. Menschen „schämen“ sich wenn Sie ins Flugzeug steigen. Sie sollen sich „schämen“ wenn sie ein großes Auto haben. Wir zeigen mit dem Finger auf Menschen, um sie dazu zu bringen, ihr Verhalten zu ändern. Und das funktioniert nicht. Mit dem „Shaming“ erreicht man keine Menschen. Man schreckt Menschen ab und erreicht das Gegenteil. Eine Änderung zugunsten des Klimas kann nicht durch Beschuldigungen erfolgen. Denn eine Person wird ihr Verhalten nur ändern, wenn sie selbstständig über ihr Konsumverhalten nachdenkt und zu der eigenen Konsequenz kommt, dass Sie etwas ändern sollte. Jemand der sich schämen soll, wird sich eher denken: Jetzt erst recht und sich einen „F you Greta“ Sticker auf den SUV kleben. Wird der Mensch beschuldigt, blockt er erst einmal ab. Und das ist nicht die Lösung.

Mehr Selbstliebe durch auswärts essen?

Wem das Klima egal ist, sollte sich laut Verfasserin wegen der Selbstliebe kein Essen nach Hause bestellen. Ihre Lösung: Geht doch einfach draußen essen. So bekommt man Bewegung und Gesellschaft. Denn oft ist man ja einfach zu faul, um rauszugehen und deswegen möchte man das Essen geliefert bekommen. Im Restaurant sollte man sich zudem anschauen, was die anderen Menschen auf dem Teller haben und wie zufrieden sie mit dem Essen sind. Denn vor Ort schmeckt das Essen ja eh immer besser. Das ist ja schön und gut nur existiert dieses Essen ausliefern lassen, ja grad weil Menschen auch manchmal ganz gerne zu Hause bleiben. Und das hat mit dem allein sein nichts zu tun denn auch Familien oder Freunde bei einem Filmabend bestellen sich gerne mal eine Pizza. Den Film- oder Spieleabend kann man nicht einfach so in ein Restaurant verlegen. Der Gedankengang, dass nur einsame Menschen Essen bestellen, ist schlicht und ergreifend falsch. Das man dabei auch Enttäuschungen erleben kann, ist natürlich richtig, aber die kann man genau so gut im Restaurant erleben. Wenn man hingegen etwas gefunden hat, was schmeckt bestellt man dort immer wieder und grundsätzlich bleibt dann die Enttäuschung aus.

Am Ende kommt die Erkenntnis

Nach den ganzen Aufzählungen kommt sie immerhin selbst zum Schluss, dass sich niemand wirklich schämen sollte und das sie Menschen nur dazu anstoßen möchte den eigenen Konsum zu überdenken. Die Erkenntnis ist zwar schön, doch sie kommt zu spät. Denn die Leute die sie erreichen will, haben spätestens bei der Selbstliebe aufgehört zu lesen. Bis zum Ende haben es nur die geschafft, die eh schon die gleiche Meinung geteilt haben. Niemand liest so lange darüber, was alles an seinem Verhalten falsch ist, ohne das wenigstens ein Lösungsansatz kommt. Und der Tipp man solle ja einfach mal rausgehen zum Essen verfehlt komplett die Thematik. Doch was sind die wirklichen Alternativen?

Denn ich möchte das Essen bestellen auf keinen Fall glorifizieren. Es wird unnötiger Müll fabriziert und selbst zu kochen ist natürlich auch besser. Es geht mir lediglich um die Art und Weise, wie hier Menschen animiert werden sollen ihr Verhalten zu ändern. Wer Menschen nämlich davon überzeugen möchte nicht mehr auswärts zu bestellen, sollte weniger von Selbstliebe und Klima sprechen und mehr Lösungen anbieten. Also was kann man tun?

Reduktion

Am Anfang steht das Hinterfragen des eigenen Verhaltens. Wie oft bestellst du dir Essen? In welchen Situationen? Wie viel kostet es? In welchen Situationen kannst du darauf verzichten? Ich spreche jetzt nicht von Menschen, die sich einmal im Monat eine Pizza nach Hause liefern lassen. Aber wer hatte schon nicht die Phase, bei der die Liebe zum Lieblingsthailänder oder Burgerladen die Überhand bekommen hat und man am Telefon nicht nur mit Namen begrüßt wurde, sondern der Mitarbeiter auch schon direkt wusste, was man bestellen wollte. Hier macht es Sinn, sich mit dieser Gewohnheit kritisch auseinanderzusetzen. Der erste wichtige Schritt ist das Erkennen und Reduzieren von schlechten Gewohnheiten. Du kochst jetzt mehr selbst und bestellst nur noch einmal die Woche bei deinem Lieblingsimbiss? Super der erste Schritt ist geschafft! Wie geht es jetzt weiter?

Schadensbegrenzung

Es ist vollbracht. Du orderst jetzt deutlich seltener dein Essen von außerhalb. Was kannst du jetzt tun, um die Klimabilanz zu verbessern? Zuallererst kann man das Lokal bei dem man bestellt darum bitten, allen unnötigen Schnickschnack wegzulassen. Du bestellst Sushi? Sag bei der Bestellung, dass du keine kleine Packung Sojasoße und Wasabi möchtest und das du auf die wegwerfbaren Holzstäbchen verzichten kannst. Diesen Wunsch kann man je nach Bestellung anpassen: Keine Servietten, kein Plastikbesteck, kein Ketchup (denn das hast du eh im Kühlschrank), kein Salzpäckchen etc. So hast du es schon mal aufs Wesentliche reduziert und kriegst „nur“ die Behälter, in denen dein Essen geliefert wird.

Bis du bereit für den nächsten Schritt? Oft liegt das Lokal in dem man bestellt in unmittelbarer Nähe. Anstatt dir das Essen liefern zu lassen, kannst du selbst mit dem Fahrrad hinfahren oder laufen und das vorbestellte Essen abholen. Dabei kannst du auch gleich deine eigene Tasche mitnehmen, sodass du nicht die extra Tüte brauchst. Bist du bereit für den ultimativen Schritt? Frag den Imbiss, ob du einen eigenen Behälter mitbringen kannst, in dem sie dir dann das Essen einpacken. Das kostet zwar Überwindung, doch oftmals ist die Reaktion sehr positiv. So hast du jetzt zwar auswärts bestellt, aber holst das Essen selbst ab und konsumierst komplett verpackungsfrei!

Einfachere Alternativen

Viele werden jetzt zurecht sagen, dass das alles ein viel zu großer Aufwand ist und der Bequemlichkeit des Essen bestellens komplett widerspricht. Wenn du nicht auf die Verpackung verzichten kannst und nicht die Möglichkeit hast, das Essen abzuholen dann kannst du Imbisse suchen, die ihre Waren in klimafreundlichere Verpackungen einpacken. Viele Lieferdienste arbeiten außerdem mit Fahrradfahrern und immer mehr Lokale setzen auf recycelte und recycelbare Verpackungen. Wenn es keine solchen Läden bei dir in der Umgebung gibt reichen kleine Schritte: Eine Pizza beispielsweise kommt in einem Pappkarton, wo hingegen ein Burger mit Pommes meistens in Plastik oder Styropor verpackt wurden. Allein das macht schon einen Unterschied. Du kannst deine Klimabilanz auch dadurch verbessern, wenn du bei dem Essen auf Fleisch verzichtest oder dir sogar was Veganes nach Hause bestellst. Die Möglichkeiten sind vielfältig, wenn man anfängt sich Gedanken darüber zu machen.

Shaming hilft niemandem

Statt auf Artikel zu setzen, die Menschen beschuldigen und jeden einzelnen Fehler aufzeigen sollte es meiner Meinung nach mehr Artikel geben, die wirkliche Lösungsansätze bieten. Denn niemand ändert sein Handeln, wenn er beschuldigt wird. Es ist viel wichtiger konstruktiv darüber zu Sprechen, welche Schritte man gehen kann, um die eigene Klimabilanz zu verbessern und eine positive Diskussion zu führen anstatt sich gegenseitig anzufeinden.

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